Vor einer Woche haben mich meine süßen Feunde, Rafa und Edu in ein indie Theater/ Biergarten / Punkerbude geschleppt, um dort ein Theaterstück einer katalanischen Theatergruppe zu sehen. Edu versprach mir dass das halbe Stück in Spanisch und die andere Hälfte in Katalan vorgetragen wird und außerdem wäre es „sehr visuell“ und das während des Stücks immer eine Paella gekocht wird, die man dann am Ende zusammen verspeist.
Nun ja das klingt zwar nicht gerade köstlich aber interessant und außerdem fand ich es irgendwie erfrischend mal mehr in die authentische Welt von Barcelona einzutauchen, als ich es für gewöhnlich tue. Wenn man als Fremder in eine Stadt wie Barcelona lebt und noch nicht völlig fluent in der spanischen Sprache ist, hat man den Hang dazu sich auch mit „Fremden“ anzufreunden, die in der gleichen Situation sind.
So verpasst man oft das „Original“ der Stadt in der man lebt, dass man so richtig nur mit Leuten kennen lernt die auch von hier stammen.
So habe ich mich also nach einem Marathon von Zimmerbesichtigungen auf dem Weg zum Antic Teatre gemacht.
Als ich dann alle traf, inklusive aller Freunde von Edu und Rafa, bekam ich schon mal einen kleinen Vorgeschmack, da alle sich hauptsächlich in Katalan unterhielten.
Ist ja auch ganz normal, ist ja schließlich ihre Muttersprache. Ich wurde auch ganz dezent ca. 4 mal gefragt ob ich den wirklich gar nichts auf Katalan verstehen würde schließlich wäre ich doch schon 9 Monate hier.
Die haben leicht reden…bin erst einmal genug damit beschäftigt das Spanische auf die Reihe zu bekommen, womit, wie sich rausgestellt hat, ich mich ein wenig schwer tue, um nicht zusagen idiotisch anstellen.
Das Gebäude in dem das Theater untergebracht ist, ist der Hit. Man fühlt sich sofort nach Berlin Kreuzberg versetzt und zwar in die guten alten Tage, wo viele Wohnungen von Alternativen Gruppen und Punks besetzt wurden und in Öko-Gemüseläden oder Kneipen umgewandelt wurden. Es gibt einen sehr großen Hinterhof der mit vielen Bäumen und Sträuchern versehen ist und in diesen hängen Lichterketten. Überall stehen kleine Tische mit Holzstühlen und es gibt sogar eine Hollywoodschaukel. Es brennen Teelichter auf den Tischen und Joints werden an jedem zweiten Tisch gedreht.
Auch wir setzten uns erstmal an einen Tisch um die letzten Sonnenstrahlen bei einem kühlen Blonden und einer guten Tüte (Porro) zu genießen.
Eins muss ich an dieser Stelle echt mal loswerden, ich vermisse das Gras aus Deutschland. Ich weiß nicht wie die Spanier jemals von diesem Zeug stoned werden. Mich macht dieses Marokko Zeugs einfach nur schläfrig, weshalb ich auch diese Runde ausgesetzt habe. Ich war ja schließlich kurz davor reine katalanische Kultur zu inhalieren und es schien mir keine gute Idee, zusätzlich meiner nicht bestehenden Kenntnisse der katalanischen Sprache mir auch noch total bekifft das Theaterstück anzusehen.
Der Theatersaal war, wie das ganze Theater auch eher sporadisch eingerichtet mit viel Punkercharme und außerdem kam ich mir vor als ob mir gleich jemand ein Formular in die Hand drückt auf dem ich der Linken Partei Barcelonas beitreten kann.
Wir setzten uns ganz nach oben, da es schon relativ gut gefüllt war und bei jedem Schritt knirschte die, aus Brettern und alten Kinosesseln zusammen gewürfelte, Bühne. In der letzten Reihe fanden dann alle von uns Platz direkt vor den Lichttechnikern.
Dieses Theater war ganz nach meinem Geschmack auch wenn ich mir schon die Schlagzeilen in meinem Kopf zusammensetzte „4 Tote bei dem Zusammenbruch einer Theaterbühne in Barcelona, darunter auch eine Deutsche“.
An dieser Stelle muss ich auch noch mal erwähnen dass es in dem „Saal“ heiß wie in einer Sauna war und ich wahrscheinlich auch Schwierigkeiten mit einem deutschen Stück gehabt hätte. Wenn man mich nicht immer schon an meiner schneeweißen Haut, meinen Feuerroten Haaren und meinem gebrochenen Spanisch erkennen würde, hätte man es spätestens an meinen Schweißausbrüchen gesehen. Alle Leute um mich herum sahen aus wie aus dem Ei gepellt und mir standen die Schweißperlen schon nach 15 Minuten auf der Stirn und auch an durchaus unangenehmeren Stellen.
Wie jedes gute Off-Broadway oder alternatives Theaterstück fing es erst einmal mit einigen Lichteffekten, befremdlicher Musik und einem Schauspieler der in der Mitte stand und eine Offiziersuniform trug an, die natürlich eine deutsche war.
Natürlich dürfen diese kleinen Details bei einer Inszenierung über den Krieg nicht fehlen. Ist es nicht gut zu wissen das Deutschland und unsere Geschichte in die Welt hinaus getragen wird….mich beruhigt das ungeheim.
Er fing an zu sprechen und ich nehme mal an dass er ein wenig erklärte worum es geht aber das ist nur so eine Ahnung. Jeder der behauptet Katalan wäre dem Spanischem ähnlich ist ein verdammter Lügner. Klar so einige Wörter sind schon dieselben aber was nützen dir Wörter wie revulucion oder democracia, die versteht man auch wenn man kein Spanisch spricht.
Die Requisiten konnten mir auch nicht so genaue den Inhalt und Sinn dieses Stücks verraten. Ich sah ein paar Koffer, ein Tisch mit einem Telefon, eine Europalette und 3 Männer im Hintergrund die sich zur Musik bewegten. Einer trug einen Radrennanzug, einer nur eine Badehose mit Schnorchel und Flossen und der andere einen Anzug, also nicht gerade Sachen die ich mit Krieg verbinde, soviel dazu dass das Stück sehr visuell sein sollte…
Erster Akt: (nennt man das eigentlich so beim Theater oder ist das die Oper) Schande auf mein Elternhaus, das mich nicht einmal mit den einfachsten kulturellen Grundbegriffen ausgestattet hat.
Eine „italienische Diva“ betritt die Bühne und fängt an zu singen. Schon komisch, dieses Lied habe ich besser verstanden als alle katalanischen Dialoge. Plötzlich schüttet der komische Kautz mit den Taucherflossen ihr ein Glas Wasser über den Kopf…..Dialog?????? und sie zieht sich bis auf die Unterwäsche aus; Newsflash BH’s mit Bügeln wurden schon erfunden…
Sie fängt an den Boden wie wild mit ihren Kleidern zu putzen…dann erscheint Jesus an einem neonbeleuchteten Kreuz und das Gesicht ganz silber angemalt. Die entkleidete italienische Diva fängt an ihn zu umgarnen und er fängt an sie zu liebkosen. Sie rangeln sich wild auf dem Boden und auf einmal erscheint eine Möhre und Jesus fängt an der halb nackten Frau vor seinen Füßen einen zu blasen, na ja der Möhre. Ich bin mir sicher das einer der Beteiligten ein Marilyn Manson Fan ist. Es war schon ein wenig anstößig aber ich fand es herrlich.
Ich will jetzt hier nicht jede Einzelheit von einem zweistündigen Stück wiedergeben aber eine Szene muss ich noch erwähnen.
Ziemlich zum Schluss hin kam noch mal eine für mich sehr intensive Szene, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Eigentlich bestand diese Szene aus vier kleinen Einzelszenen, wo die jeweiligen Schauspieler immer wieder eine Handlung und einen Dialog wiederholten und dabei immer schneller wurden. Zwei von diesen vier Miniszenen haben wieder Bezug auf meine Vergangenheit genommen und wahrscheinlich kann ich mich deswegen noch so gut erinnern.
Eine davon zeigt einen Mann der das Telefon abhebt und irgendetwas auf Katalan sagt. Nichts Besonderes wenn man das Gesagte sowieso nicht versteht, oder? Nun ja es war die Art wie er das Telefon beantwortet hat. Er ist zum Telefon marschiert und hat den Hörer im Hitlergruß abgenommen.
Die andere Szene zeigte das Mädel dieser Schauspielgruppe in einem Sommerdress und mit immer dem gleichen Satz „I’m going on holidays to XXX“ mit verschiedenen Plätzen wie zum Beispiel Kuba, Kambodscha oder South Africa und nur ein oder zweimal sagte Sie laut und deutlich „I’m going on Holidays to Auschwitz“. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört bis Sie es noch mal sagte und mein Freund Edu mich von der Seite fragend anschaute.
Nicht weiter schlimm oder, aber jetzt frage ich mich warum mir gerade diese Szenen so im Gedächtnis geblieben sind.
Sind wie als deutsche Nachkriegsgeneration so darauf getrimmt diese Dinge verstärkt war zunehmen? Wurden wir wirklich einer Art Gehirnwäsche unterzogen, die uns jedes Mal in unsere Stühle sinken lässt wenn wir derartige Dinge erleben?
Ich glaube die jährliche Wiederholung im Geschichtsunterricht und die Ausflüge in jedes Holocaustmuseum- und denkmal im Umkreis und die 1000de von Filmen, von denen man sich ca. 200 im Geschichtsunterricht anschauen muss, haben besonders meine Generation geprägt.
Mindestens einmal im Jahr gab es einen Ausflug ins Kino um sich die „neueste Schindlers Liste“ anzuschauen.
Ich weiß nicht ob das wirklich der beste Weg ist, um uns zu ermahnen nicht die gleichen Fehler zu machen.
Ich bin zum Beispiel so empfindlich, dass ich mich sogar ein wenig unwohl fühle mit einer jüdischen Person im gleichen Zimmer zu sein. Ich fühle mich dann einfach schuldig und würde die Person am liebsten in den Arm nehmen und ihr sagen das es MIR leid tut auch wenn ich zum Zeitpunkt des 2. Weltkrieges noch nicht einmal geplant war geschweige denn meine Mutter.
Ich denke dass wir an einem kritischen und interessanten Punkt der deutschen Geschichte stehen. Es wird nicht mehr lange dauern da werden alle wirklichen Zeitzeugen dieses Kapitels unserer Geschichte verstorben sein.
Wird es dann auch ein wenig aus unserem Gedächtnis verschwinden oder werden wir immer dieses beklemmende Gefühl haben wenn wir eine Reportage im Fernsehen sehen?
Heißt aus seiner Geschichte lernen sich gleichzeitig für diese schämen zu müssen?